




 


|
 |
Geschichte
Zeittafel
Hans Prinzhorn
Die Sammlung in der Zeit des NS
|
um 1909
|
Die Psychiatrische Klinik führt eine Lehrsammlung.
|
|
1919-22
|
Ausbau zur heutigen Prinzhorn-Sammlung durch Hans Prinzhorn,
Assistenzarzt und Kunsthistoriker, unterstützt von Klinikleiter
Karl Wilmanns.
|
|
1919
|
Das Ministerium für Unterricht genehmigt ein Museum für
pathologische Kunst. Geldspenden reichen für einen
Raum.
|
|
1921
|
Erste Ausstellung in der Frankfurter Galerie Zinglers Kabinett,
geht anschließend in die Galerie Garvens in Hannover.
Hans Prinzhorn verläßt Heidelberg.
|
|
1922
|
Hans Prinzhorns Bildnerei der Geisteskranken erscheint.
Seine Kollegen reagieren reserviert; moderne Künstler sind
begeistert.
|
| |
Ausstellung in Leipzig anläßlich des Naturforscherkongresses.
|
|
1929-33
|
Ausstellungen in Paris, Genf, Basel und neun deutschen Städten
(überwiegend Kunstvereine); die Betreuung übernimmt
Hans W. Gruhle.
|
|
1938
|
Klinikdirektor Carl Schneider übergibt der Wanderausstellung
Entartete Kunst Zeichnungen der Sammlung (ab der Berliner
Station 1938). Er instrumentalisiert die Sammlung und ihre Schöpfer
als pathologisches Beweismaterial gegen die Kunst der ‚Moderne‘,
greift aber den Bestand nicht weiter an.
|
|
um 1955
|
Bei Umbauten der Klinik wird die bisher sorgfältig verwahrte
Sammlung auf den Dachboden verbannt.
|
|
1963
|
Harald Szeemann entdeckt die Werke und zeigt erstmals wieder
eine Auswahl im Kunsthalle Bern.
|
|
1966-88
|
Die Ärztin Maria Rave-Schwank (1965-72) organisiert Ausstellungen
in Freudenstadt (Kongress der DGPA), Heidelberg (Galerie Rothe),
Paris, Amsterdam, Wiesbaden.
|
|
1972-77
|
Ausstellungen im Dachraum der Klinik.
|
|
ab 1973
|
Inge Jádi (Jarchov) wird Kustodin
|
|
1979-85
|
Die Volkswagen-Stiftung finanziert die Konservierung und wissenschaftliche
Erfassung des gefährdeten Materials.
|
|
ab 1978
|
Nationale und internationale Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen,
Konzerte und Lesungen.
|
|
1980-81
|
Wanderausstellung Die Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg,
Hamburg, Stuttgart, Basel, Berlin, München, Bochum.
|
|
1986
|
Wanderausstellung Leb wohl sagt mein Genie Ordugele muß
sein, mit Textbildern aus der Prinzhorn-Sammlung, Stuttgart
und Ludwigshafen.
|
| 1990-91 |
Wanderausstellung Muzika,
Stuttgart, Berlin, Heidelberg, Bochum, mit Konzerten. |
|
1991-93
|
Projekt Beschaffung und Archivierung der Krankenakten.
|
|
1992-93
|
Ausstellungsbeteiligung Parallel Visions. Modern Artists and
Outsider Art, Los Angeles, Madrid, Basel, Tokio.
|
|
ab 1995
|
Erschließung der Sammlung in einer Datenbank, gefördert
von der Kulturstiftung Baden-Württemberg.
|
|
1995
|
Ausstellungsbeteiligung Identità e Alterità.
Figure del corpo 1895/1995, Venedig, Biennale.
|
|
1995-97
|
Wanderausstellung La Beauté Insensée, Charleroi/Belgien,
Palais des Beaux-Arts, 1995/96; als Wahnsinnige Schönheit,
Heidelberg, Schloß, 1996; Lausanne/Schweiz, Musée
de l’Art Brut, 1996; als Beyond Reason, London, Hayward
Gallery, 1996/97; als Wahnsinnige Schönheit, Osnabrück,
Kulturgeschichtliches Museum, 1997.
|
|
1997
|
Ausstellungsbeteiligung Kunst & Wahn, Wien, Kunstforum.
|
|
1998
|
Ausstellungsbeteiligung Figure Dell'anima. Arte irregolare
in Europa, Pavia, Castello Visconteo, und Genua, Palazzo Ducale.
Leidlust, Werke von Georg Lindenmann u.a., Kaufbeuren-Irrsee,
Bezirkskrankenhaus, 18.11.-5.12.99.
|
| 2000 |
Wanderausstellung The
Prinzhorn Collection: Traces upon the Wunderblock, New York,
The Drawing Center, 13.4.-16.6.; Los Angeles, UCLA at the Armand
Hammer Museum, 1.7.-7.9.2000; -> Barcelona |
|
2001
|
Wanderausstellung La Collecció Prinzhorn: Traces sobre
el bloc màgic, Barcelona, Museu d'Art Contemporani,
25.1.-25.3.2001.
Museumseröffnung "Sammlung Prinzhorn" (13.9.)
mit einem dreitägigen Kongress (14.-16.9.) und vielen begleitenden
Veranstaltungen Heidelberger Kulturinstitutionen.
Eröffnungsausstellung Vision und Revision einer Entdeckung,
Sammlung Prinzhorn, 14.9.2001-16.3.2002.
Nach rund 30 Jahren als Kustodin der Sammlung Prinzhorn, scheidet
Inge Jádi aus dem Dienst.
Bettina Brand-Claussen übernimmt kommissarisch die Leitung.
|
| 2002 |
Ausstellung Ins Gesicht sehen - Christa Mayer, Fotografische
Porträts von LangzeitpatientInnen, seit 1982 und Anonyme
Fotografien aus der Anstalt Weilmünster, 1905-1914, Sammlung
Prinzhorn, 28.3.-2.6.2002.
Wanderausstellung Wunderhülsen & Willenskurven -
Bücher, Hefte, Kalendarien aus der Sammlung Prinzhorn,
Heidelberg, Sammlung Prinzhorn, 20.6.-8.9.; Jena Städtisches
Museum, 22.9.-24.11.2002; Gent, Museum Dr. Guislan, 15.11.2003
- 31.3.2004.
Wanderausstellung Todesursache: Euthanasie - Verdeckte Morde
in der NS-Zeit, Sammlung Prinzhorn, 3.10.2002-April 2003;
Angerlo/NL, Evenbeeld, centrum voor beeldvorming, 2.7. - 10/2004.
Zum 1. November wird Thomas Röske als neuer Leiter der Sammlung
Prinzhorn ernannt.
|
| 2003 |
Kabinettausstellung antworten. Dorothee Rocke
im Dialog mit Hyacinth von Wieser, Sammlung Prinzhorn, 20.3.-11.5.2003.
Ausstellung Elfriede Lohse-Wächtler
(1899-1940). Eine Künstlerin in der Psychiatrie,
Sammlung Prinzhorn, 22.5.-28.9.2003.
Kabinettausstellung "in der Luft gehen".
Klassiker der Sammlung Prinzhorn, Sammlung Prinzhorn, 12.6.2003-28.3.2004.
Ausstellung
Expressionismus und Wahnsinn, Schleswig,
Schloss Gottorf, 15.9. - 14.12.2003; Sammlung Prinzhorn, 17.3.
- 19.6.2005.
Ausstellung Weltachse mit Haase.
August Natterers halluzinatorische Zeichnungen, Sammlung
Prinzhorn, 23.10.2003 - 28.3.2004.
|
| 2004 |
Wanderausstellung Deadly Medicine: Creating a Master Race,
Washington/USA, Holocaust Memorial Museum, 10.3.2004 - verlängert
bis 30.5.2006; Dresden, Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, 10.10.2006
- 24.6.2007 (Tödliche Medizin: Rassenwahn im Nationalsozialismus).
Wanderausstellung Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen
von Frauen in der Psychiatrie um 1900, Sammlung Prinzhorn,
29.4. - 25.9.2004; Schweiz, Kartause Ittingen, 19.6. - 18.9.2005;
Gent/B, Museum Dr. Guislan, 7.10.2006 - 28.1.2007.
Rausch im Bild - Bilderrausch. Drogen als Medien von Kunst
in den 70er Jahren, Sammlung Prinzhorn, 14.10.2004 - 20.2.2005.
Wanderausstellung In Persern Büchern steht's geschrieben
Jörg Ahrnt im Dialog mit Ludwig Wilde, Kunstverein Göttingen,
25.4. - 6.6.2004; Museum für Angewandte Kunst Frankfurt/Main,
23.2. - 24.4.2005; Sammlung Prinzhorn, Kabinett, 14.10. - 13.2.2005;
Teheran/Iran, Reza Abbasi Museum, 18.5. - 19.6.2005; Berlin, Pergamonmuseum,
Museum für Islamische Kunst, 5.5.-9.7.2006.
|
|
2005
|
Wanderausstellung Im Rausch der Kunst. Dubuffet und Art Brut,
Düsseldorf, Museum Kunst Palast, 19.2.-29.5.2005;
Villeneuve d'Ascq, Musée d'art moderne Lille Métropole,
15. 10. 2005 - 2.1. 2006 (Dubuffet et l'Art Brut).
Expressionismus und Wahnsinn, Sammlung Prinzhorn, 17.3.-19.6.2005.
Wanderausstellung Psychiatrie in Afrika - fotografische Erkundungen;
Sammlung Prinzhorn, 7.7. - 9.10.2005 (Monat der Fotografie im
Rhein-Neckar-Dreieick mit Kabinettaus-stellung Afrika im Kopf);
Münster, Haus Kannen, 5.2. - 23.4.2006; Bremen, Psychiatriemuseum
Bremen-Ost, 1.7.-27.8.2006.
Bern 1963: Harald Szeemann erfindet die Sammlung Prinzhorn,
Sammlung Prinzhorn, 27.10.2005-30.4.2006.
Pain, Gent, Museum Dr. Guislan, 8.10.2005 - 30.4.2006.
|
| 2006 |
Wanderausstellung wahnsinn sammeln - Outsider Art aus der
Sammlung Dammann, Sammlung Prinzhorn, 25.5. - 24.9.2006; Hamburg,
Ernst Barlach Haus, 21.1. - 22.4.2007.
Wanderausstellung Rough Magic. Inner Worlds Outside, Madrid/E,
"La Caixa", 26.1. - 2.4.2006; London/GB, Whitechapel
Art Gallery, 18.4. - 18.6.2006; Dublin/IRL, Irish Museum of Modern
Art, 25.7. - 1.10.2006.
Kunst lebt. Stuttgart, Städtische Galerie im Kunstgebäude,
25.5. - 24.9.2006.
Soleil Noir. Depression und Gesellschaft, Salzburg/A,
Kunstverein, 20.7. - 10.9.2006.
Wanderausstellung Keeping Secrets, Newcastle/GB, Hatton
Gallery, University of Newcastle, 16.9. - 11.11.2006; Bexhil-on-Sea/GB,
De La Warr Pavilion, 27.1. - 15.4.2007; Manchester/GB, Whitworth
Art Gallery, 5.5. - 29.7.2007.
AIR LOOM - Der Luftwebstuhl und andere gefährliche Beeinflussungsapparate,
Sammlung Prinzhorn, 26.10.2006 - 15.4.2007.
|
| |
|
Hans Prinzhorn
Die Heidelberger Sammlung ist benannt nach dem Kunsthistoriker und
Arzt Hans Prinzhorn (Hemer i. Westf. 1886 - 1933 München), der 1919
als Assistent an die Psychiatrische Klinik der Universität Heidelberg
kam. Deren Leiter Karl Wilmanns hatte ihn beauftragt, eine bereits
bestehende kleine Kollektion künstlerischer Arbeiten von Psychiatriepatienten
mit Werken aus anderen psychiatrischen Anstalten zu erweitern und
in einer wissenschaftlichen Studie auszu-werten. So entstand Prinzhorns
Buch »Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psycho-logie und
Psychopathologie der Gestaltung« (1922), welches dies Gebiet erstmals
einer größe-ren Öffentlichkeit zugänglich machte, gerade auch mit
Hilfe einer üppigen Bebilderung.
Sammlungen wie diejenige, die Prinzhorn in Heidelberg vorfand, gab
es damals auch in anderen psychiatrischen Kliniken Europas. Sie waren
Teil der Archive dieser Häuser, und die hier verwahrten Artefakte
wurden ausschließlich unter diagnostischen Gesichtspunkten be-trachtet.
Prinzhorns Unternehmen ist denn auch fast ohne Vorläufer. Immerhin
hatte der fran-zösische Psychiater Paul Meunier (1873-1957) bereits
1907 Werke von Psychiatriepatienten unter ästhetischen Gesichtspunkten
gewürdigt, in seinem Buch »L’art chez les fous«, das unter dem Pseudonym
Marcel Réja erschienen war. Dieser Ansatz ist damals jedoch kaum beachtet
worden. Mehr Aufmerksamkeit dagegen erregte die Studie »Ein Geisteskranker
als Künstler« des schweizer Psychiaters Walter Morgenthaler von 1921,
in welcher der in der Waldau, der psychiatrischen Klinik Berns, lebende
Adolf Wölfli vorgestellt wurde.
Prinzhorns Blickwinkel war jedoch weiter als der Meuniers und Morgenthalers.
Er konnte sich auf ein wesentlich umfangreicheres Material stützen,
berücksichtigte beeindruckend viele Aspekte des Gebietes und gelangte
zu Fragestellungen, die auch heute noch die Forschung beschäftigen.
Hierin schlägt sich vor allem auch die doppelte Promotion als Philosoph
(1909) und als Mediziner (1919) nieder. Darüber hinaus verfügte Prinzhorn
als ausgebildeter Sänger, der zudem selbst zeichnete und handwerkliches
Geschick besaß, über eigene Erfahrungen mit künstlerischer Gestaltung.
Sein Interesse an Werken von Psychiatriepatienten läßt sich wie seine
Analysemethoden zurückverfolgen auf psychologisch orientierte Strömungen
in der Kunstwissenschaft und Philosophie, denen er während seines
Studiums in Tübingen, Leipzig und München zwischen 1904 und 1909 begegnet
war (insbesondere bei August Schmarsow und Theodor Lipps).
In seinem Buch entwickelt Prinzhorn zunächst eine Ausdruckstheorie
der Gestaltung. Mit Hilfe eines komplexen Modells verschiedener Partialtriebe
versucht er, das Phänomen »Bildnerei« (den wertenden Begriff »Kunst«
vermeidet er absichtlich) gestaltungspsychologisch zu erklä-ren. Im
zweiten Teil des Buches geht er dann auf die Bildwerke schizophrener
Patienten ein und widmet zehn dieser künstlerisch Tätigen Einzeldarstellungen.
Dabei werden zwar auch Einblicke in die jeweilige Lebensgeschichte
und Persönlichkeit gegeben, die Analyse der Werke mit Hilfe von Einfühlung
(Prinzhorn spricht auch von »Wesensschau«) steht jedoch deutlich im
Vordergrund. Im dritten Teil werden diagnostische Fragen und Parallelen
zu anderen Formen künstlerischer Gestaltung behandelt. Hier zieht
Prinzhorn nicht nur die Kunst der sogenannten Primitiven und Kinderzeichnungen
zum Vergleich heran, sondern auch Gegenwartskunst. Die Ähnlichkeiten
zu Patientenarbeiten in letzterer erklärt er mit einem »schizophrenen
Weltge-fühl« seiner Zeitgenossen, das für ihn wesentlich einem auch
für die psychisch Kranken kon-statierten »ambivalenten Verweilen auf
dem Spannungszustand vor Entscheidungen« ent-spricht. Das vergleichbare
Streben führe im Künstlerischen allerdings nicht zum gleichen Er-folg,
da das spontane Schöpfen aus dem Unbewußten bei den Gesunden weitgehend
fehle. So stellt Prinzhorn den »echten« Arbeiten der Schizophrenen
die »rationalen Ersatzkonstruktio-nen« der Hochkünstler seiner Zeit
entgegen und formuliert damit eine eigenwillig radikale Kulturkritik,
die der eigentliche Antrieb für das Buch gewesen zu sein scheint.
Seine eigene Position aber ist bereits mit der von Jean Dubuffet vergleichbar,
der sich später als »Entdecker von Entdeckungen« bezeichnet hat.
Bis zu seinem Tod hat sich Prinzhorn in Vorträgen und Aufsätzen immer
wieder zum Thema seines ersten Buches zu Wort gemeldet, ohne jedoch
über die dort aufgestellten Thesen we-sentlich hinauszugehen. Auch
der Versuch, mit der Übertragung seiner Thesen auf ein ver-wandtes
Gebiet an den Erfolg seiner »Bildnerei der Geisteskranken« anzuschließen
(»Bildnerei der Gefangenen«, 1926), scheiterte. Das Schwergewicht
seiner zahlreichen Publikationen lag auf dem Gebiet der Psychotherapie,
wobei sein origineller Ansatz die Philosophie von Ludwig Klages mit
der Psychoanalyse Sigmund Freuds zu verknüpfen versuchte. Hervorzuheben
sind die Bücher »Leib-Seele-Einheit. Ein Kernproblem der neuen Psychologie«
(1927), »Psychotherapie. Voraussetzungen, Wesen, Grenzen. Ein Versuch
zur Klärung der Grundla-gen« (1929) und »Persönlichkeitspsychologie.
Entwicklung einer biozentrischen Wirklich-keitslehre vom Menschen«
(1932) sowie der von ihm herausgegebene Sammelband »Krisis der Psychoanalyse«
(1928).
Prinzhorn führte das »unstete Leben eines ewig Suchenden« (Wolfgang
Geinitz), sowohl im Privaten als auch auf beruflicher Ebene. Nachdem
er bereits 1921 von Heidelberg fortgegangen war, versuchte er sich
glücklos an Sanatorien in Zürich, Dresden und Wiesbaden, bis er sich
1925 mit einer psychotherapeutischen Praxis in Frankfurt am Main niederließ.
Aber auch diese war nicht sehr erfolgreich, zumal sich Prinzhorn eher
als Person der Öf-fentlichkeit begriff. Als gefragter Vortragender
im In- und Ausland machte er sich vergebliche Hoffnungen auf eine
Universitätsstelle. Nach Enttäuschungen beruflicher Perspektiven und
drei gescheiterten Ehen zog er sich immer mehr zurück und siedelte
schließlich zu einer alten Tante nach München über, seinen Lebensunterhalt
vornehmlich durch die Einnahmen aus Publikatio-nen und Vorträgen bestreitend.
Für die Verwirklichung des ehrgeizigen Plans einer »freinationalen«
Kulturzeitschrift wandte sich Prinzhorn im Jahre 1932 u.a. an die
Nationalso-zialisten, scheiterte damit jedoch auch hier.
Seit den späten 20er Jahren wurde immer deutlicher, daß Prinzhorn
viele Ansichte und Ideale jener Strömungen unter den damaligen Intellektuellen
Deutschlands teilte, die Armin Mohler als »konservative Revolution«
bezeichnet hat. Wie manch andere Zeitgenossen glaubte er irriger-weise,
das politische Geschick Deutschlands mitbestimmen und als »Sinnender«
auf die »Handelnden« Einfluß nehmen zu können. In der Artikelfolge
»Über den Nationalsozialismus«, die in der konservativen Zeitschrift
»Der Ring« zwischen 1930 und 1932 erschien, behandelte er verschiedene
Aspekte dieser Ideologie und ihrer Umsetzung aus psychologischer Perspek-tive.
Dabei übte er zwar auch Kritik, letztlich entschuldigte er jedoch
das Vorgehen der Nazis gegen andere politische und weltanschauliche
Gruppierungen sowie viele gesellschaftliche Minderheiten immer wieder
mit den besonderen Gegebenheiten der Zeit. Ein letzter Beitrag in
dieser Serie, der sich u.a. mit der »Judenfrage« befaßte und sich
im Tenor nicht wesentlich von den vorangegangenen unterscheidet, wurde
nicht mehr gedruckt. Wie sich das Verhältnis Prinzhorns zu den neuen
Machthabern gestaltet hätte, läßt sich schwerlich bestimmen. Am »Tag
von Potsdam« im März 1933 nahm er, als Freund u.a des Gastdirigenten
Wilhelm Furtwängler, noch teil. Wenige Wochen darauf, am 14. Juni,
verstarb er jedoch schon in einem Münchner Krankenhaus infolge eines
Typhus, den er sich auf einer Italienreise zugezogen hatte.
Thomas Röske
Literatur:
Thomas Röske, Der Arzt als Künstler. Ästhetik und Psychotherapie
bei Hans Prinzhorn (1886-1933), Bielefeld 1995.
Anfang
Zeittafel
Hans Prinzhorn
Die Sammlung in der Zeit des NS
Die Sammlung in der Zeit des NS
Die Heidelberger Bilder-Sammlung in der Hand Carl Schneiders
Die Instrumentalisierung der künstlerischen Arbeiten von Anstaltspatienten
ist keine Erfindung der Nationalsozialisten. Schon zu Beginn der zwanziger
Jahre sammelte der Hamburger Psychiater und Klinikleiter, Professor
Wilhelm Weygandt, "Irrenkunst", um sie als denunzierendes Beweismaterial
zu nutzen. Es war die Zeit des verlorenen Ersten Weltkrieges, in der
man Anstaltspatienten als "geistig tote" und daher nutzlose "leere
Menschhülsen" (Binding/Hoche) mental zu vernichten begann. Konträr
zu Hans Prinzhorns mutigem Schritt, den Werken und ihren Schöpfern
mit der ästhetischen auch eine existentielle Wahrheit zu geben,
deutete Weygandt das Ungewöhnliche, Verworrene oder Deformierte
jener Bilder als Indizien für ausweglose "Geisteskrankheit".
Darüberhinaus sammelte er "Irrenkunst" mit der Intention, Künstler
der Avantgarde - Futuristen, Expressionisten, Dadaisten oder Bauhäusler
- als entartet, dement oder schizophren erklären zu können.
Beweis war die äussere Ähnlichkeit. Erstaunlicherweise widersprach
keiner der Kollegen.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nutzte man das Schema
des pathologisierenden Bildvergleichs nicht nur publizistisch, sondern
auch in Ausstellungen: Erstmals, so Christoph Zuschlag, wurden in
Erlangen 1933 die Zeichnungen von Geisteskranken und Kindern neben
die ausgesonderten modernen Werke aus der Mannheimer Kunsthalle ("Mannheimer
Schreckenskammer") gehängt. Auch die künftigen Stationen
der 1937 in München gezeigten Ausstellung "Entartete Kunst",
plante man, durch pathologisierende Vergleiche propagandistisch zu
schärfen.
Der Direktor der Heidelberg Klinik, Karl Wilmanns, die Sammlung entscheidend
befördert hatte, war 1933 entlassen worden, unter anderem deshalb,
weil er die psychogene Natur von Hitlers zeitweiliger Blindheit im
Ersten Weltkrieg betont hatte. Sein Nachfolger, Carl Schneider, beteiligte
sich als wissenschaftlicher Leiter entscheidend an der Aktion T 4,
die das systematische Töten der als "unheilbar" ausgeschiedenen
Patienten plante und umsetzte. Er erkannte bald auch die nützlichen
Seiten der Bildersammlung und folgte 1938 dem Leihgesuch der Reichspropagandaleitung
für die Ausstellung "Entartete Kunst". Was Weygandt unwidersprochen
von Kollegen vorbereitet hatte, war offizielles kunstpolitisches Konzept
geworden, mit dem Ziel, die störenden Künstler auf der Schiene
der mentalen Vorbereitung der "Euthanasie" gleich mit zu 'entsorgen'.
Nach welchen Gesichtspunkten wurden in Heidelberg Bilder ausgewählt?
Psychiater Schneider und der ehemalige Jurastudent und SA-Mann aus
Österreich, Hartmut Pistauer, Kenner und zeitweiliger Leiter
der Femeschau hatten schon im Herbst 1937 einvernehmlich Blätter
zusammengestellt, die entweder motivisch oder formal den Bildern moderner
Künstler verwandt waren, damit sie deren Verrücktheit gleichsam
empirisch beweisen konnten. Gemäß der Bildrhetorik des
neu angefertigten "Ausstellungsführers" galten die Modernen als
"geisteskrank" oder entartet; ihre Arbeiten erschienen in der Gegenüberstellung
mit vier Werken aus der Heidelberger Sammlung als ebenso 'verrückt'
oder auch noch 'verrückter' und 'ungekonnter'.
Die tatsächliche Positionierung von "irren" und "entarteten"
Kunstwerken in der Ausstellung ist heute, trotz lebhafter Pressereaktionen,
kaum mehr zu ermitteln. Auch die Exponate sind nahezu unbekannt. Bekannt
ist nur eine Vorauswahl, die zwar nach Berlin geschickt, dort aber
nicht benötigt und bald zurückgesandt wurde (darunter auch
einige Konvolute der "Psychiatrie München"), begleitet von einer
Teil-Rückgabeliste vom Juni 1938. Die etwa 70 Rückgaben
belegen, daß man offenbar geplant hatte, in der Ausstellung
die 'Verrückten' vor allem als die größeren 'Könner'
den Modernen gegenüberzustellen. So waren die vielen großzügig
mit Wasserfarben hingestrichenen Seelandschaften von Clemens von Oertzen
("Orth") und die ambitionierten Ölbilder von Else Blankenhorn
wohl gegen die "barbarischen" Methoden der Modernen gedacht. Gegen
religiöse Blasphemien der Expressionisten sollte vermutlich die
ernste "Kreuzigung im Park" von Franz Karl Bühler ("Pohl") zeugen
(etwa gegen die "Kreuzabnahme" Max Beckmanns aus der Mappe Gesichter
von 1919?); ähnlich auch die Miniaturen von Hermann Mebes, der
mit feinem Pinsel Symbole verwirrte. Die Bleistiftzeichnung Inv. Nr.
244, aus einer Serie drahtig verknäulter Linienformationen, könnte
gegen Paul Klee und seine "Zwitschermaschine" gedacht sein.
Ganz unterschiedliche Bildnisse wählte man, um 'entartete' Porträts
zu verurteilen. Teils entsprechen sie dem akademischen Konsens, teils
sind sie vereinfacht ausgefaßt, wie das expressionistisch anmutende
Frauenporträt Else Blankenhorns. Mindestens 17 Blätter entnahm
man dem Werk des einstigen Bauzeichners Joseph Schneller ("Sell"),
dessen Präzisionsarbeiten vielfach "einsetzbar" waren. Dazu gehörten
Blätter aus dem von ihm selbst so bezeichneten "sadistischen
Lebenswerk" (Abb. "), ferner Collagen, Landschaften, Stadt- und
Architekturansichten (Abb."). Die reiche Auswahl von Werken Schnellers
weist übrigens darauf hin, daß sich die denunziatorische
Absicht unversehens in Gefallen verwandelt hat. Zur Vorauswahl gehörten
ferner Werke des Holzschnitzers Carl Genzel ("Brendel") und des Architekten
und Malers Paul Goesch, von dem kurz zuvor 1937 in der Mannheimer
Kunsthalle drei Blätter beschlagnahmt worden waren.
Während viele Künstler ins Ausland flohen, reiste die Ausstellung
"Entartete Kunst" erfolgreich durch das Reich. Die zwölf Stationen
sind erst seit wenigen Jahren erforscht und dokumentiert: Berlin,
Leipzig, Düsseldorf, Salzburg, Hamburg, Stettin, Weimar, Wien,
Frankfurt/Main, Chemnitz, Waldenburg, Halle. Das war April 1941. Insgesamt
traf das Konzept der Ausstellung auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung.
Es berührte traditionelle Ängste gegenüber moderner
Kunst. Insofern "bündelte" die Ausstellung - so Walter Grasskamp
- "Vorbehalte gegen und Ängste vor der Moderne, die bereits lange
vorher, ziviler vielleicht, aber keineswegs versöhnlicher die
Reaktion des Bürgertums auf die moderne Kunst gekennzeichnet
hatten und bis heute lebendig geblieben sind, [...] weil die Angst
vor der modernen Kunst kein spezifisch nationalsozialistisches Syndrom,
sondern lediglich ein spektakuläres Paradefeld ihrer Propaganda
gewesen ist."
In einem von der Ausstellungsleitung für die Düsseldorfer
Station 1937 erbetenen Vortrag zum ersten Jahrestag versuchte Carl
Schneider das Projekt zu begründen. Letzlich enden seine ausschweifenden
Überlegungen bei der Forderung, das Unbeherrschbare, Triebhafte
zu vernichten. Schon sein auf subtile Weise gewalttätiges psychiatrisches
Konzept macht dies anschaulich. Der Arzt begründet die "erfolgreiche
Therapie" einer "schizophrenen Künstlerin", die "bereits krankhafte
Erzeugnisse geliefert hatte" mit folgender Maßnahme: "wir (taten)
das Gegenteil von dem [...], was Lombroso, Prinzhorn u.a. machten:
Wir hoben die krankhaften Erzeugnisse der Künstlerin nicht auf,
sondern wir zerstörten sie und wir leiteten die Kranke bei der
Lösung ihrer selbstgewählten normalen Aufgabe."
Die "biologische" Verwandtschaft zwischen "entarteten" Künstlern
und "Irren" begründet Schneider damit, daß nur der nachahmen
könne, der biologisch mit seinem Vorbild verwandt sei. Beweis
ist die schlichte Gleichsetzung des künstlerisch Ähnlichen
mit den "eindeutigen" Zeichen des Krankhaften: "Angstlust", "Grauen",
"Wollust", "Chaos", "Fratzen", "Sudelei", "Ekel", "Gier", "innere
Gehaltlosigkeit", "Schwelgen" - all diese triebhafte Strebungen gelte
es auszumerzen, damit "der treue, fleissige, disziplinierte, anständige,
urteilsfähige, opferwillige, ehrliebende und ehrenhafte Mensch"
erstehe.
Die Bildersammlung blieb als Anschauungsmaterial unbehelligt.
Einige Künstler, deren Werke die Sammlung bewahrt, wurden getötet:
Den Kunstschmiededozenten Franz Karl Bühler ("Pohl") teilt man
im April 1940 dem ersten Emmendinger Transport nach Grafeneck zu.
Paul Goesch, der zuletzt in Teupitz internierte Architekt und Maler,
wird in Hartheim an der Donau umgebracht. Joseph Grebing, Kaufmann
aus Magdeburg, wird 1940 aus Wiesloch in eine unbekannte Anstalt verlegt
und getötet. Der Tagelöhner Johann Faulhaber aus Mannheim,
ebenfalls in Wiesloch interniert, wird verlegt und getötet.
Ihre Zeichnungen, Briefe und andere Schriften, meistens aus dem Beginn
der zwanziger Jahre, bewahrt die Prinzhorn-Sammlung als Gedächtnisspur.
Anschauliche lebensgeschichtlichen Rekonstruktionen werden möglich
und konstituieren überhaupt erst Erinnerung an die einzelnen
"euthanasierten" Patienten. Doch Erinnerung bedeutet nicht nur historische
Spuren auszulegen und darüber zu wachen, sondern die vielfältigen
Mißstände in der Gegenwart wahrzunehmen und vor ihnen nicht
auszuweichen, wegzusehen und zu schweigen. Dieser kritisch erinnernden
Haltung ist die Sammlung verpflichtet.
Bettina Brand-Claussen
Literatur:
Bettina Brand-Claussen, Das "Museum für pahtologische Kunst"
in Heidelberg. Von den Anfängen bis 1945, in: Wahnsinnige Schönheit,
Prinzhorn-Sammlung, Ausstellungskatalog Osnabrück, Kulturhistorisches
Museum, Heidelberg 1997, S. 6-23.
Dies., Prinzhorns "Bildnerei der Geisteskranken". Ein spätexpressionistisches
Manifest, in: Vision und Revision einer Entdeckung, hg. von Bettina
Brand-Claussen und Inge Jádi, Katalog zur Eröffnungsausstellung,
Heidelberg, Sammlung Prinzhorn, 2001, S. 11-31.
Dies., Häßlich, falsch, krank. "Irrenkunst" und
"irre" Kunst zwischen Wilhelm Weygandt und Carl Schneider,
in: Psychiatrische Forschung und NS-"Euthanasie", Beiträge
zu einer Gedenkveranstaltung an der Psychiatrischen Universitätsklinik
Heidelberg, hg. von Christoph Mundt/ Gerrit Hohendorf/ Maike Rotzoll,
Heidelberg 2001, S. 265-320.
Maike Rotzoll/ Bettina Brand-Claussen/ Gerrit Hohendorf, Carl Schneider,
die Bildersammlung, die Künstler und der Mord, in: Wahn Welt
Bild, Die Sammlung Prinzhorn - Beiträge zur Mueumseröffnung,
hg. von Thomas Fuchs/ Bettina Brand-Claussen/ Christoph Mundt/ Inge
Jádi, Berlin u.a. 2002 (= Heidelberger Jahrbücher, 2002/XLVI),
S. 41-64.
letzte Änderung: Monika Jagfeld,
2010-01-26
|
 |
|