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Serie Domjüch-See
1916-18
Wilhelm Müller
(erstmals 1907, letztmals 1918
erwähnt in der Anstalt Strelitz-Domjüch)
Beredt sind die Landschaftsdarstellungen
eines jungen Mannes, der sich als „Hochschul-Ingenieur, studierter
Wissenschaftler, Candidat im 4ten Semester“ bezeichnet.

Achtundvierzigmal
hat Wilhelm Müller innnerhalb von zwei Jahren
den Blick auf den Domjüch-See festgehalten, den er aus dem Fenster
seines Zimmers der Mecklenburg Strelitzschen Landesirrenanstalt Domjüch
sehen konnte. Es ist immer wieder derselbe Ausschnitt. Die Serie beginnt
mit der Federzeichnung „Domjüch Jan. 1916.“ (Inv.Nr.
1116) und umfasst in der Folge 34 Blätter, die zum Teil vor- und
rückseitig bearbeitet sind. 
Scheinbar objektive Landschaftsdarstellungen, die vordergründig
nichts über die Anstalt oder die subjektive Verfasssung des Autors
erzählen - aber dennoch viel verraten. Die Hingabe an das Exterieur
sagt etwas aus über das Interieur und über den Standort des
Verfassers. Der stets gleiche Blick nach draußen, der über
Stunden, Tage, Monate und Jahre hinweg den ihm gewährten Teil
der Außenwelt sorgfältig studiert und analysiert, lässt
den engen Bewegungsraum Wilhelm Müllers in der Anstalt erahnen.

Man
sieht ihn am Fenster stehen, nicht nur sein Blick, sein ganzes Sehnen
ist nach außen gerichtet. Die Zeichnungen bringen ein
intensives Empfinden der Natur im Wechselspiel der Elemente zum Ausdruck.
Malmittel und -gestus sind den unterschiedlichen Empfindungen angepasst.
Zarte Bleistiftschraffuren, locker gesetzt, veranschaulichen die Atmosphäre
eines Januartages: „wolkig-licht“, „Schneegewölk,
- Cirrostratus - klar mittelblau“ schreibt er dazu (Inv.Nr. 1117verso).
Dagegen peitschen „Hagel - Schnee u. Regen“ in ungestümen
Strichen und breiten Tupfen mit Deckweiß über nur grob mit
dem Pinsel umfahrene Baumgruppen (siehe Abb., Wasserfarben, Inv.Nr.
1121verso). Die Binnenzeichnung der Baumäste und -stämme
sowie der Himmelspartie wird hierbei von durchscheinenden Linien der
Tuschzeichnung der Vorderseite vorgegeben. Der Zeichen- bzw. Malstil
Wilhelm Müllers reicht von einer eher konventionellen, naturalistischen
Wiedergabe des Sujets über eine impressionistisch anmutende Landschaftsauffassung
bis hin zur expressiven, frei gestischen Darstellung. Sie nähern
sich in ihrer weitgehenden Abstraktion der Ungegenständlichkeit
und wirken für unser heutiges Auge unglaublich modern (Inv.Nr.
1126 u. 1145recto).

Die Intensität, mit der Wilhelm Müller mit der Landschaft
erforscht, zeigt sich auch in seinen Aufschriften. Immer wieder beschreibt
er die Atmosphäre, Luft, Farben und Klima; er gibt die Jahres-
und Tageszeit, Datum und zum Teil die genaue Uhrzeit an, um die Situation
so genau wie möglich festzuhalten. Der Eintönigkeit des jahrelangen
Anstaltsaufenthaltes setzt Wilhelm Müller die permanente Veränderung
der Außenwelt entgegen. Sie allein bietet den nötigen Halt,
sich nicht in der Zeitlosigkeit des Anstaltslebens zu verlieren. Das
Leben findet draußen statt. Im Interieur, in dem Wilhelm Müller
eingeschlossen ist, steht die Zeit still.
Die Domjüch-Serie von Wilhelm Müller, die als visuelles Tagebuch
verstanden werden kann, wartet darauf, einmal vollständig ausgestellt
zu werden. So wie man sich den Zahlentabellen Hanne Darbovens als Versuch
einer Konkretisierung des Abstraktums Zeit kaum entziehen kann, steht
man, überwältigt von der Zeit-Dimension, vor den Landschaften
Wilhelm Müllers. Man steht mit ihm am Fenster und blickt hinaus
auf die Seelandschaft, in die Unendlichkeit des Verweilens.

Monika Jagfeld, Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit
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