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Die Bilder-Briefe der Maria Kraetzinger
Maria Kraetzinger
Von der Künstler-Patientin Maria K. ist in der Sammlung nur dieses
bekannt: Geboren 1880, untergebracht in der Anstalt Eglfing/Haar bei
München, Diagnose: Schizophrenie,
Entstehung der Bilder im und um das Jahr 1906. – Das Gruppenbild oben
zeigt zwei am Boden hockende Kinder, beschäftigt
mit dem Flechten/Schmücken eines Kranzes. Hinter ihnen steht ein drittes
Kind, ein skeptisch und ernst blicken des Mädchen. In Bild unten ist bei
der Anrede „Gustav“ der
Anfangsbuchstabe kunstvoll geschmückt und ausgeformt mit dem Körper
einer weiblichen Gestalt.

Beide Bilder sind am Jugendstil orientiert. Auch inhaltlich –
so scheint es – stehen die Bilder in engem Zusammenhang. Mit dem
Gruppenbild könnte Frau K. den alten Brauch des Jungfernkranzes
thematisiert haben („Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer
Seide...“; das Brautjungfernlied aus dem „Freischütz“
war im 19. Jahrhundert außerordentlich populär geworden).
Bild B kann als weiteres Dokument dieser Erwartungs- und Sehnsuchtshaltung
gesehen werden, stellvertretend für alle anderen Bilder bzw. Briefe,
die die Patientin übrigens immer an einen „Herrn Prof. Dr.
Gustav Klein“ in der Münchener Luisenstraße 17 geschrieben
hat.
Nachforschungen in der jüngsten Zeit haben ergeben, dass es sich dabei
keineswegs um ein Phantom gehandelt, sondern dieser Professor real existiert
und unter der angegebenen Adresse tatsächlich gewohnt hat (lt. Adressbuch
von 1906; schriftl. Mitteilung des Stadtarchivs München vom 14. 03. 2001).
Auch seine berufliche Identität konnte vor kurzem geklärt werden:
Klein war nicht Psychiater - eine naheliegende Vermutung, sondern Gynäkologe.
Außerdem war er Vorstand der Universitäts-Poliklinik und ein zu
jener Zeit recht bekannter und ziemlich beliebter akademischer Lehrer (Jahrbuch
der Ludwig-Maximilians-Universität München: 1919 – 1925, München
1928).
Ganz offensichtlich wünschte oder hatte Maria K. eine erotische
Beziehung zu Professor Klein. Ja, sie muss ihn geradezu abgöttisch
geliebt und verehrt haben („Lieber König Gustav“).
Gründe für diese
Gefühlslage kennen wir nicht. Daher ließen sich darüber lediglich
höchst spekulative Mutmaßungen anstellen. –
Resümee:
Die bildhaften und geschriebenen Äußerungen der
Patientin Maria K. sind nicht
zwingend als Ausgeburt einer krankhaften Fantasie zu werten. „Liebeswahn“ kommt
hin und
wieder auch bei sogenannten Gesunden vor. Nicht nur im Inhalt, auch in
der Form haben die
Bilder-Briefe einen klaren Bezug zur Wirklichkeit: Die Anstalt Eglfing/Haar,
die heute die
Bezeichnung „Bezirkskrankenhaus Haar“ trägt, wurde nämlich
im Jugendstil erbaut, d.h.
Maria K. war durchaus in der Lage Wirklichkeit wahrzunehmen. Abschließend
kann demnach gefragt werden: Was also war wirklich krank an Maria K.? Kenntnis
der Diagnose allein verstellt den Blick, macht blind statt sehend und verleitet
zu
vorschnellen oberflächlichen Schlüssen. Dieser Gefahr wäre
auch der Verfasser dieser Zeilen - fast – erlegen.
Bernd Koschorreck, ehem. Mitarbeiter
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