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Selbstgenähtes, mit Texten besticktes Jäckchen,
Garn auf Anstaltsleinen,
Rückenlänge 36,5cm (Inv.Nr. 743)
Agnes Richter
Eine Jacke, aus grobem grauen Leinen, wie es für Anstaltskleidung
verwendet wurde, ist über und über mit farbigem Garn bestickt.
Kragen und Schulter sind mit braunem Stoff abgesetzt. Das Jäckchen
ist nach einer zierlichen weiblichen Körperform bemessen. Die Außenseite
der Ärmel wurde an die Innenseite des Leibchens genäht, so
dass keine konsistente Innen- und Außenform besteht. In einem
allover' durchzieht das farbige Garn das Leinen und gibt an der
Oberfläche deutlich zu erkennen, dass es sich um Schrift handelt.
Auf den Ärmeln ist die Schrift außen lesbar. Sonst ist sie
nur innen zu lesen, nah an der Haut. Es ist schwierig, einen Anfangspunkt
des Textes und eine Leserichtung zu identifizieren oder auch nur klar
die Zeilen auseinander zu halten. Einzelne Wörter lassen sich leicht
lesen. Immer wieder markieren "Ich" oder "Mein"
den Beginn eines neuen Satzes. So lässt sich auf dem linken Ärmel
lesen: "Meine Jacke", und "durch meine weißen Strümpfe
/ meine Strümpfe sein 11", oder innen oben links: "Mein
Kleid", mittig: "meine Jacke ist", oder unten rechts:
"Ich bin nicht in den", und "Ich bin in Hubertusburg
/ Parterre", darunter so etwas wie eine Signatur: "95 A. D.
/ A. I. B.", aus der hervorgeht, dass Richter die Jacke 1895 fertig
gestellt hat. An die Jacke geheftet wurde ein Zettel mit folgender Aufschrift:
"Nähte in alle Wäsche und Kleidungstücke Erinnerungen
aus ihrem Leben." Die vielen gestickten Daten bestätigen dies,
so heißt es zum Beispiel an der Innenseite des linken Seitenzwickels:
"19. Juni 73 geb." Die wenigen lesbaren Wörter machen
neugierig. Wer war Agnes Richter? "Kinder" steht an einer
Stelle. Hatte sie Kinder? "Meine Schwester" und "Bruder
Freiheit?" offenbaren, dass sie Geschwister hatte. Von "Forschung"
und von einer "Köchin" ist die Rede. Was war ihr wichtig?
"Kirschen" und an anderer Stelle "keine Kirschen";
und dann die stetigen Bezüge auf Kleidungsstücke. Sehr persönliche
Dinge werden hier auf die zweite Haut übertragen. Dennoch bleiben
Agnes Richter und ihre Geschichte verborgen in dem schwer lesbaren unablässigen
Fluss von auf und abtauchendem Garn. Der Faden durchzieht den Stoff
wie der Ariadnefaden das Labyrinth. In der griechischen Mythologie war
Ariadnes Faden die Rettung aus dem Labyrinth, Garant für das Überleben
und die Rückkehr in die Gesellschaft. Welche Funktion kommt dem
sich einschreibenden Faden dieser Jacke zu?
Zu bezweifeln ist, dass die gestickten Wörter nur auf Vergangenes
verweisen. Die Häufigkeit des identitätsbezeichnenden Wortes
Ich' und der Possessivpronomina deutet eine andere Auseinandersetzung
an. Gisela Steinlechner deutet Sprache - das geschriebene bzw. gestickte
Wort - als strukturgebend. Anzufügen ist, dass die strukturgebende
Funktion des Schreibens von grundsätzlicher Natur ist, also jegliches
Erleben strukturiert, Halt verleiht, Distanz ermöglicht, ebenso
wie eine Selbstvergewisserung und Verortung. Das Erleben bezieht sich
auf die Gegenwart, und so ist auch das wiederholte stickende Schreiben
von "Ich" und "Mein" auf die Gegenwart des Schreibens
zu beziehen, an einer Stelle deutet ein lesbares "dich" überdies
auf einen imaginierten Adressaten des Schreibens. Das Schreiben ist
sogar auf die Gegenwart des Verfertigens dieser Jacke bezogen (ebenfalls
innen ist zu lesen: "Meine Jacke ist", an anderer Stelle:
"1894 Ich bin / Ich heute Fräulein"). Diese Gegenwart
ist erfüllt von einer Tätigkeit. Sie ist Gegenpol zum Anstaltsalltag,
der durch seine entwürdigenden Situationen, Eingriffe in die Intimsphäre,
durch den Verlust der persönlichen Dinge, der eigenen Kleidung
zu Selbstentwertung und Identitätsverlust führt. Agnes Richter
stickt dagegen "Ich", "Ich bin", "Ich habe".
Sie stickt diese Wörter und sie trägt sie auf der Haut, mehr
zur Selbstvergewisserung als zur Demonstration. Beleg ist die Verkehrung
der Innen- und Außenseiten des Jäckchens, so dass die Schrift
im Inneren geborgen bleibt. Auf der Außenseite des Ärmels
findet sich das Wort "Anstaltsärzten." Bleibt der Zusammenhang
auch verborgen, so ist dies doch bezeichnend.
Die demonstrative Nutzung weiblicher Handarbeitstechniken zur Vergewisserung
der eigenen Existenz ist eine Strategie, die insbesondere in der zeitgenössischen
Kunst Verwendung findet. Agnes Richter schuf ein dichtes Textgewebe,
das sie kleidet. Es hat die Funktion, etwas zu zeigen und sichtbar zu
machen, zu schmücken, aber auch zu schützen, das drohende
Verschwinden von Identität abzuwehren. Die Jacke von Agnes Richter
ist außergewöhnlich, eben keine Anstaltsjacke. Damit setzt
Agnes Richter ein Zeichen, bewahrt sich eine Identität: Sie ist
anders, sie ist eigen und besonders. Dennoch tritt die Zahl 583 - die
Nummer mit der ihre Wäsche für die Wäscherei gekennzeichnet
wurde - nicht nur gestempelt, sondern eigenhändig gestickt überall
auf der Jacke hervor. Offensichtlich gehört zur Wahrung der Identität
in der Anstalt auch, das Stigma anzunehmen, eine Nummer zu sein: 583
in Hubertusburg.
Viola Michely, Projektmitarbeiterin zur Ausst. "Irre ist weiblich"
Aus: Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen
in der Psychiatrie um 1900, Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn,
hg. von Bettina Brand-Claussen und Viola Michely, Heidelberg 2004, S.
146.
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