Die Prinzhorn-Sammlung
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Stellungnahme der Prinzhorn-Sammlung der Psychiatrischen Klinik der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg zur Kontroverse mit dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) um den Standort Heidelberg - Berlin

Der Verlauf der Auseinandersetzung

Im Sommer 1996 erfuhr die Kustodin der Prinzhorn-Sammlung, Dr. Jádi, erstmals von der Forderung des BPE, ihm die Prinzhorn-Sammlung zu übereignen. In einem Gespräch erklärte der Leiter der Berliner Gruppe des BPE, René Talbot, Initiator und Wortführer dieses Vorhabens, daß geplant sei, eine Gedenkstätte für die Euthanasieopfer des Nationalsozialismus in Berlin zu errichten, deren Kernstück die Prinzhorn-Sammlung sein solle. Hierfür gab es bereits einen architektonischen Entwurf. Den Bau wolle ein anonymer Geldgeber in Form einer Stiftung finanzieren, wobei er seine Schenkung allerdings an die Präsenz der Prinzhorn-Sammlung koppele. Dr. Jádi gab zu bedenken, es sei nicht damit zu rechnen, daß das Land Baden-Württemberg die Sammlung herausgebe, und ihres Erachtens bestehe dafür auch kein Grund, da die Universität bereits den Bau eines Museums plane. Dr. Jádi bot aber eine projektbezogene Zusammenarbeit mit dem Ziel einer befristeten Ausstellung an. Dieser Vorschlag entsprach offensichtlich nicht den Vorstellungen des BPE, denn er wurde später nie erwähnt, geschweige denn aufgegriffen. Anbei sei bemerkt, daß die Sammlung nach ihren Erfahrungen mit dem BPE in der Folgezeit zu einer solchen Kooperation nicht mehr bereit ist.

Trotz der Tatsache, daß die Bauplanung eines Museums in Heidelberg bereits im Gang war, wurde das Modell eines Berliner Standortes weiter ausgearbeitet und mit erheblichem Werbeaufwand verbreitet, so daß bei Uneingeweihten der Eindruck entstand, das Museum Prinzhorn-Sammlung solle in Berlin errichtet werden. Für den Stiftungsrat der Stiftung "Haus des Eigensinns" wurden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gewonnen, die das - auch aus unserer Sicht sehr begrüßenswerte - Projekt einer Gedenkstätte für die Euthanasieopfer des nationalsozialistischen Regimes unterstützen. Da sie die Prinzhorn-Sammlung, ihre Geschichte und Arbeit in den letzten Jahrzehnten offensichtlich nicht näher kennen, wohl aber deren internationale Bedeutung, haben sie sich der Argumentation Herrn Talbots angeschlossen, d.h. sie unterstützen die Forderung nach einer Standortverlagerung der Sammlung nach Berlin. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß nur einer der engagierten Herren des Stiftungsrats sich an die Prinzhorn-Sammlung gewandt und deren Ansicht zur Sachlage eingeholt hat, um sich selbst ein Bild zu machen. Er trat anschließend aus dem Stiftungsrat aus.

Zunächst initiierte der BPE eine sehr polemische Medienkampagne, durch die eine Argumentation verbreitet wurde, die vorwiegend auf falschen Behauptungen und unzulässigen Verknüpfungen basiert. Die wichtigsten werden im folgenden an entsprechender Stelle ausgeführt. Erst 1998 wandte sich der BPE mit seinen Forderungen offiziell, zunächst schriftlich, an die zuständigen Stellen wie die Psychiatrische Klinik, die Verwaltung des Klinikums, das Rektorat der Universität und das Wissenschaftsministerium. Nach reiflicher Prüfung der vorgetragenen Argumente waren sich alle für die Prinzhorn-Sammlung Verantwortlichen darin einig, daß ein schlüssiger Grund für einen Standortwechsel nach Berlin nicht vorliege, hingegen viele gute Gründe für den Standort Heidelberg sprächen. Ihre Antwort war daher durchweg eine Absage.

Wenig später fand auf Ersuchen des BPE ein Gespräch im Rektorat der Heidelberger Universität mit zwei Mitgliedern des Stiftungsrats aus Berlin, Prof. Raue und Bischof Huber, und dem Rektor der Universität, Prof. Siebke, dem Prorektor der Medizinischen Fakultät, Prof. Kirchheim, sowie dem Leiter der Psychiatrischen Klinik, Prof. Mundt, statt. Da den bereits bekannten Argumenten von seiten der Berliner Vertreter keine neuen hinzugefügt wurden, bekräftigte Prof. Siebke noch einmal ausdrücklich, daß eine Übereignung der Sammlung an den BPE oder eine Reduktion des Bestands der Sammlung durch eine Dauerleihgabe (ein Alternativvorschlag der Berliner) nicht in Frage komme. Gewisse Äußerungen der beiden Vertreter des Stiftungsrats bestätigten im Verlauf des Gesprächs sehr eindrücklich den bereits gehegten Verdacht, daß das Berliner Interesse nicht in erster Linie der Prinzhorn-Sammlung selbst gilt, sondern ihrem, in den letzten 15 Jahren durch Ausstellungen und Publikationen gewonnenen, hohen internationalen Renommee. Die Sammlung soll offensichtlich wesentlich zur Attraktivität des geplanten Projekts beitragen und so in erster Linie als Köder für die Stadt Berlin fungieren, deren finanzielle Unterstützung in Form einer Bereitstellung des Grundstücks in der Tiergartenstr. 4 für die Realisierung der Gedenkstätte benötigt wird.

Seit Beginn der Auseinandersetzung 1996 herrscht auf Seiten des BPE, vorwiegend vertreten durch René Talbot, ein unsachlicher, aggressiver Stil in der Auseinandersetzung und eine fehlende Bereitschaft oder auch Unfähigkeit, sich mit den Argumenten der für die Sammlung inhaltlich und rechtlich Verantwortlichen auseinanderzusetzen. Populistisch zwar sehr wirksame und für den Unkundigen einleuchtende, aber unwahre Behauptungen wurden bis heute trotz unserer Richtigstellung nicht korrigiert und werden weiterhin für eine propagandistische Argumentation benutzt. Die nicht zur Ruhe kommende Agitation des BPE unter Nutzung aller verfügbarer Medien überschreitet, sowohl in Wortwahl wie in inhaltlicher Entstellung, zunehmend eine tolerable Grenze. Die verbreiteten Äußerungen über Personen und Institutionen, die mit der Prinzhorn-Sammlung verantwortlich befaßt sind, grenzen teilweise an Rufmord. Auch haben wir erfahren, daß Journalisten, die sich die Mühe machten, mit beiden Seiten Kontakt aufzunehmen und sich nicht kritiklos der polemischen, durchaus medienwirksamen und damit verführerischen Argumentation der Berliner bedienten, sondern nach Vergleich der Argumente sich der Heidelberger Sicht anschlossen, anschließend von Herrn Talbot mit Schmähbriefen attackiert wurden.

Dazu paßt auch, daß von Anfang an für den BPE Regeln, die für andere selbstverständlich gelten, keine Gültigkeit hatten: Es wurden immer wieder Arbeiten aus der Prinzhorn-Sammlung auf Prospekten für die geplante Gedenkstätte oder sonstigen Streitschriften abgebildet, ohne die Sammlung um Reproduktionsrechte zu bitten. Das gleiche geschah mit Patiententexten, die außerdem noch den falschen Autoren zugeordnet wurden. Auch Ausstellungstitel der Prinzhorn-Sammlung wie "Wahnsinnige Schönheit" u.ä. wurden ohne Bedenken gegen die Interessen der Sammlung für die eigenen Zwecke benutzt.

In letzter Zeit wird der Versuch unternommen, jüdische Organisationen für das Vorhaben des BPE zu interessieren, indem eine Verbindung der Sammlung mit Teilaspekten des Holocaust hergestellt wird. So benutzt der BPE z.B. die von jüdischer Seite zu Recht geprägte Formulierung "Beutekunst der Mörder" für seine Zwecke und suggeriert dem Uninformierten vergleichbare Greuel des Dritten Reiches bei der Entstehung der Sammlung. Obgleich diese Koppelung jeder Grundlage entbehrt, ist das Interesse amerikanischer und israelischer Journalisten, die die näheren Tatbestände nicht kennen, verständlich. Wir hoffen, mit der Darstellung der Sammlungsgeschichte die vom BPE provozierten Mißverständnisse bereinigen zu können.

 

Darstellung der Geschichte der Prinzhorn-Sammlung als wesentliches Argument für den Verbleib in Heidelberg

Der BPE begründet seine Forderung in erster Linie historisch-moralisch. Er bezieht sich hierbei ausschließlich auf die Zeit des Nationalsozialismus, als hätte es eine Geschichte der Sammlung vor und nach dem Dritten Reich nicht gegeben. Die Tatsache, daß die Sammlung an der Heidelberger Klinik, die in die Euthanasie-Aktionen verwickelt war, beheimatet ist, wird als Grund angesehen, sie von dort zu entfernen. Diese Verknüpfung ist historisch nicht stichhaltig. Nebenbei sei bemerkt, daß der BPE in Paradoxie zu seiner eigenen Argumentation die Absicht hat, den "Schreckensort" Heidelberg mit dem noch viel schrecklicheren Ort, der Tiergartenstr. 4 in Berlin zu vertauschen. Von hier ging die zentrale Organisation des Euthanasieprogramms aus, und hier soll die Gedenkstätte entstehen. Für uns ist diese Lokalisation sehr einleuchtend, wie eben auch ein Verbleib der Prinzhorn-Sammlung an dem Ort ihrer wechselhaften Geschichte. An beiden Orten ist es möglich und nötig, ein Gegenkonzept zu dem Grauen des Nationalsozialismus aufzuzeigen.

1919 bis 1933

Zwischen 1919 und 1921 gelang es dem Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn, eine kleine, bereits vorhandene Sammlung von Patientenzeichnungen mittels Rundschreiben an die großen psychiatrischen Anstalten der Zeit entscheidend zu erweitern, so daß sie bei seinem Weggang aus der Klinik 1921 mehr als 5ooo Objekte zählte. Danach versiegte langsam der Zustrom an Arbeiten. 1933 wurde das Sammeln eingestellt. Die Arbeiten der Prinzhorn-Sammlung stammen also aus der Zeit um die Jahrhundertwende bis 1933.

Die Sammlung trägt den Namen Prinzhorns, weil dieser neben seiner erfolgreichen Sammeltätigkeit eine erste, noch heute beachtenswerte wissenschaftliche Bearbeitung der Werke vornahm, die er in seinem Buch "Bildnerei der Geisteskranken" (Springer, Berlin 1922) vorstellt. Diese Publikation wirkte besonders auf die avantgardistischen Künstlerkreise (Paul Klee, Max Ernst etc.) wie eine Offenbarung. Sie überschreitet in - für damalige Zeit ungewöhnlicher Weise - die Grenzen psychopathologischer Sicht. Prinzhorn stellt hier zum einen grundsätzliche Fragen nach der menschlichen Kreativität. Zudem bearbeitet er zehn Oeuvres bereits unter Verwendung biografischer Sichtweisen in dem Bemühen, mit der Werkanalyse den gesamten Menschen zu begreifen. Im dritten Teil des Buches zieht er interessante Parallelen zur modernen Kunst und dem sich darin ausdrückenden Weltgefühl des zwanzigsten Jahrhunderts. Alles in seinem Buch ist dazu angetan, zu einer Sichtweise des erkrankten Menschen zu gelangen, die Fühlen, Denken und Gestalten des Geisteskranken nur als besonders deutliche Ausgestaltungen zwar extremer, doch allgemein menschlicher Möglichkeiten begreift. Dies führte übrigens dazu, daß Prinzhorn zu seiner Zeit von den meisten seiner psychiatrischen Kollegen vehement als unwissenschaftlich abgelehnt wurde.

René Talbot bezeichnet Hans Prinzhorn als "Rassisten, Antisemiten und Naziideologen". Dieser Vorwurf ist in dem gegebenen Zusammenhang nicht berechtigt. In keiner seiner Schriften über das Thema "Bildnerei der Geisteskranken" findet sich eine Stelle, die ihn rechtfertigt. Daß Prinzhorn kurz vor seinem Tod 1933 mit den Nationalsozialisten liebäugelte, soll nicht bestritten werden. In den zwanziger Jahren aber, in denen er sich mit künstlerischen Produktionen von Patienten beschäftigte, ist seine Einstellung als antifaschistisch zu bezeichnen. Diese Haltung teilte er mit seinen teils jüdischen Kollegen in der Klinik und vor allem mit dem damaligen Klinikleiter Prof. Wilmanns. Dessen sehr kluger Wahl seiner Assistenten ist es zu verdanken, daß die Heidelberger Klinik unter seiner Leitung zu einem Zentrum phänomenologisch-anthropologischer Forschung wurde. Die Bearbeitung der Sammlung durch Prinzhorn im Einvernehmen mit Wilmanns hatte eine Schrittmacherfunktion für die Anerkennung, Bewunderung und wissenschaftliche Zurkenntnisnahme künstlerischer Produktionen psychisch Kranker, die uns heute selbstverständlich sind. Wilmanns wurde 1933 seines Amtes enthoben, da er nicht bereit war, seine jüdischen Assistenten zu entlassen, und weil seine freiheitliche antifaschistische Haltung den neuen Machthabern ein Dorn im Auge war. Es ist bedauerlich, daß Herr Talbot in seiner diffamierenden Beurteilung der Heidelberger Klinik diese historischen Fakten unterschlägt.

Mit der Entstehungsgeschichte der Sammlung hängt auch eine weitere vom BPE aufgeworfene Frage zusammen, die nach den Besitzrechten an der Sammlung. Wie von Prof. Raue, der im Auftrag des BPE ein juristisches Gutachten anfertigte, bestätigt werden mußte, ist die Sammlung rechtens Besitz der Universität. Als Mitglied des Stiftungsrats stellt er diesen Besitz allerdings moralisch in Frage und folgt damit der Argumentation des BPE, der "bösgläubigen Erwerb" der Patientenwerke unterstellt und mit Worten wie "Beutekunst" Enteignung und unrechten Besitz suggeriert. Dies ist historisch unhaltbar. Die meisten Blätter der Sammlung stammen aus Krankengeschichten, denen sie zunächst als Begleitmaterial zugeordnet waren. In die Hände der Ärzte kamen sie wahrscheinlich auf vielfältige Weise. Der größte Teil der Arbeiten wurde vermutlich - das lehrt die Erfahrung - von ihren Autoren nach Herstellung nicht mehr beachtet und wäre vernichtet worden, hätten sie nicht das Interesse der Ärzte gefunden. Andere Patienten, auch dafür gibt es Beispiele, schätzten ihre Arbeiten selbst als künstlerisch ein. Sie empfanden das Interesse der Ärzte als Anerkennung und verschenkten ihre Arbeiten. Daß in Einzelfällen Arbeiten fortgenommen wurden, ist natürlich richtig, doch war dies mit Sicherheit nicht die Regel.

Hier ist zu betonen, daß um die Jahrhundertwende, als die meisten Arbeiten der Sammlung entstanden, künstlerische Gestaltungen von Patienten fast ausschließlich als Ausdruck der Erkrankung gesehen wurden. Begehrlichkeiten der Ärzte nach Kunstwerken der Patienten gab es somit noch nicht. Eine Aufwertung der Patientenwerke und die sich daraus ergebende Kunstdiskussion erfolgte erst viel später. So gesehen war Prinzhorn seiner Zeit voraus. Sein Buch ist als Pionierleistung in dieser Entwicklung zu sehen.

1933-1945

Es folgt die Schreckenszeit des Nationalsozialismus. Klinikleiter wurde Carl Schneider, der sich als Obergutachter bei der "Aktion T4" beteiligte und mit den Gehirnen ermordeter, geistig behinderter Kinder sebst Forschung betrieb. Sein Interesse an der Sammlung bestand ausschließlich in der Möglichkeit, entsprechend seinem eugenisch-nationalsozialistischen Kunstverständnis die moderne Kunst im Vergleich mit den Patientenarbeiten zu diffamieren. Dieser pervertierten Nutzung verdankt die Sammlung wahrscheinlich ihr Überleben.

Arbeiten aus der Prinzhorn-Sammlung wurden von der Klinik für die berühmt-berüchtigte Wanderausstellung "Entartete Kunst" als Vergleichsmaterial zur Verfügung gestellt. Wie einer Rücklaufliste zu entnehmen ist, kehrte ein Teil der Exponate nicht mehr nach Heidelberg zurück. Er wurde vermutlich als wertlos vernichtet. Man kann also sagen, daß die Sammlung durch die Nationalsozialisten ideologisch mißbraucht und materiell geschädigt wurde. Carl Schneider entzog sich der Verantwortung seines Tuns nach Kriegsende durch Suizid.

In diesem Zusammenhang sei kurz ein Sachverhalt dargelegt, der immer wieder in den Berliner Argumentationen eine Rolle spielt, obwohl er mit der Sammlung in keinem Zusammenhang steht: Wieweit waren Patienten der Prinzhorn-Sammlung von der Euthanasie betroffen? Hierzu ist zu sagen, daß der größte Teil der Patienten vor Beginn der Euthanasie-Aktionen gestorben war. 4 Patienten sind nach unserem jetzigen Kenntnisstand der Euthanasie zum Opfer gefallen. Bei 30 Patienten verliert sich die Biografie im Unbekannten. Hier ist Euthanasie als Todesursache nicht auszuschließen. Der Versuch einer Klärung anhand entsprechender Archivalien ist im Gange.

Die Geschichte der Sammlung im Nationalsozialismus ist ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit in der Sammlung heute. Die Kunsthistorikerin Brand-Claussen beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema. Die bisherigen Ergebnisse ihrer Forschungen wurden verschiedentlich publiziert (B. Brand-Claussen: "Die Irren" und die "Entarteten". Die Rolle der Prinzhorn_Sammlung um Nationalsozialismus" in Von einer Wellt zu’r Andern, DuMont, Köln 1990, sowie "Das Museum für pathologische Kunst in Heidelberg. Von den Anfängen bis 1945" in Wahnsinnige Schönheit, Wunderhorn, Heidelberg 1997, u.a.). Es besteht rege Zusammenarbeit mit dem bundesweiten Arbeitskreis "Medizin im Nationalsozialismus", dem auch zwei Ärzte der Heidelberger Klinik angehören. Unmittelbar vor dem Eingang der Klinik wurde im Mai 1998 ein Mahnmal für die auf Veranlassung von Carl Schneider für wissenschaftliche Forschung ermordeten Kinder aus der Klink errichtet. Ein zu diesem Anlaß veranstaltetes Kolloquium beschäftigte sich unter verschiedenen Aspekten mit dem Thema Euthanasie, wobei die Rolle der Heidelberger Klinik einen Schwerpunkt bildete.

Eine agitatorisch sehr wirksame, aber ebenfalls unwahre Behauptung des BPE, die trotz Korrektur von unserer Seite immer wieder taktisch eingesetzt wird, soll hier noch einmal ausdrücklich richtiggestellt werden. Die Behauptung lautet, daß das Heidelberger Museum in eben den Räumen eingerichet werden soll, in denen Carl Schneider gelehrt und seine Gehirne aufbewahrt habe. Sie gipfelt in der Formulierung "Beutekunst für den Hörsaal der Mörder". Die Wahrheit ist: das für das Museum vorgesehene Hörsaalgebäude gehörte zu keiner Zeit zur Psychiatrischen Klinik. Es diente allein der Neurologischen Klinik zu Vorlesungszwecken. In Heidelberg waren und sind noch heute Psychiatrische Klinik und Neurologische Klinik getrennt. Sie haben auch jeweils einen eigenen Klinikleiter. Vor einigen Jahren zog die Neurologische Klinik in das sogenannte Neuklinikum um. Das freiwerdende Klinikgebäude wurde der Psychiatrischen Klinik zur Nutzung übergeben und ist bereits in Funktion (Haus 2). Für die Prinzhorn-Sammlung wurde das in unmittelbarer Nähe gelegene, 1880 gebaute Hörsaalgebäude vorgesehen.

1945 bis heute

In den Wirren der Nachkriegszeit blieb die Sammlung zunächst unbeachtet. Mitte der sechziger Jahre ordnete eine engagierte Ärztin, Dr.Maria Rave-Schwank, die in Kisten verwahrten Materialien, zeigte eine Bilderauswahl in einer bekannten modernen Galerie und richtete eine kleine Dauerausstellung im Dachgeschoß der Klinik ein. Der konzeptionelle Ansatz hatte deutlich sozialpsychiatrische Züge.

1973 übernahm Dr.Jadi die Betreuung der Sammlung. Ein mit Mitteln der Stiftung Volkswagen finanziertes umfangreiches Projekt zwischen 1980 und 1983 ermöglichte die kulturelle und wissenschaftliche Erschließung des Materials. Die empfindlichen Papiere und Objekte wurden konserviert, restauriert und sachgemäß archiviert. Den wissenschaftlichen Katalog erstellte Dr. Brand-Claussen. Diese Arbeiten machten eine Nutzung der Sammlung erst möglich. Sie ist außerdem Grundlage für eine Datenbank, die mit Mitteln der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg momentan erstellt wird. Seit 1980 realisiert die Sammlung erfolgreich Ausstellungen im In- und Ausland, meist in Kooperation mit Museen oder vergleichbaren Kunstinstitutionen, wie etwa der Baseler Kunsthalle, dem County Museum of Art in Los Angeles, der Hayward Gallery in London oder dem Drawing Center in New York. Neben diesen großen, vorwiegend kunstorientierten Ausstellungen gab es auch kleinere thematische bzw. monografische Ausstellungen sowie zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen.

In den Publikationen der Sammlung (Kataloge, Bücher und Aufsätze) seit 1980 ist unschwer zu erkennen, daß ihre Mitarbeiter in moderner Form an die kultur-anthropologische Orientierung der zwanziger Jahre anschließen. Auch heute scheint ein interdisziplinäres Vorgehen unumgänglich. Ziel muß sein, die vielfältigen Potenzen der Sammlung wissenschaftlich und kulturell auszuloten. Dies ist unseres Erachtens aus ethischer Sicht langfristig die einzig wirksame Möglichkeit, die Sammlung in den Dienst des psychiatrischen Patienten wie allgemein des Menschen zu stellen. Ohne Frage gehört dazu auch eine kontinuierliche psychiatriegeschichtliche Auseinandersetzung, die allerdings ideologiefrei sein sollte. Sie findet sich, explizit oder immanent, in allen Publikationen der Sammlung. Das Augenmerk gilt allerdings nicht nur den Geschehnissen von 1933 bis 1945. Klinik und Mitarbeiter der Sammlung weisen mit Empörung den Vorwurf Herrn Talbots zurück, sie setzten die faschistische Tradition Carl Schneiders fort und betrieben eine Pathologisierung der Patientenwerke.

Es sei hier ausdrücklich betont, daß aus unserer Sicht die Absicht des BPE, die Prinzhorn-Sammlung ausschließlich in den Kontext Nationalsozialismus und Euthanasie zu stellen, eine unerträgliche Verkürzung der ihr innewohnenden vielfältigen Aspekte und Erkenntnismöglichkeiten darstellt. Wir lehnen eine Funktionalisierung der Sammlung zu ideologischen Zwecken - egal mit welchem Vorzeichen - grundsätzlich und entschieden ab.

 

Weitere Argumente für den Standort Heidelberg

Erkrankung und Behinderung an Körper oder Seele sind für den Betroffenen und sein emotionales Umfeld mit großem Leid verbunden. Dieses Leid ist nicht mit Negation der Tatsachen zu beseitigen. Leider orientiert sich die Gesellschaft an der sogenannten Norm und neigt dazu, von ihr Abweichende auszuschließen und abzuwerten, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Psychisch Erkrankte trifft es besonders hart. Das hat damit zu tun, daß gerade bei den Psychosen nicht nur Teilbereiche der Person abweichen, sondern die gesamte Existenz betroffen ist. Eine von der Norm differente Weltsicht wird entwickelt, die sich an inneren und nicht mehr an äußeren Realitäten orientiert. Dies macht die "Hermetik" psychotischen Denkens aus.

Die Aufgabe des Arztes ist es, das zunächst Unverständliche zu entschlüsseln. Dies ist die Voraussetzung für Hilfe. Er ist zudem aufgefordert, durch seine eigene innere und äußere Haltung einer Stigmatisierung des Leidenden entgegenzuwirken. Begreift man die Kunstwerke der Prinzhorn-Sammlung als Dokumente menschlicher extremer Existenzformen, so liegt in der Erkenntnismöglichkeit des Wesens von Psychose zugleich die Potenz einer Erweiterung des Wissens um den Menschen allgemein. Nichts geschieht in der Psychose, was nicht zutiefst menschlich wäre. Daraus ergeben sich zwei weitere wichtige Gründe für den Verbleib der Prinzhorn-Sammlung.

Erkenntnis erfordert intensive Beschäftigung mit dem Gegenstand unter Berücksichtigung all dessen, was bereits erfahren, erarbeitet und gedacht wurde, sowie Beachtung ethischer (nicht moralischer) Grundwerte. Wissenschaft, so verstanden, steht im Dienste des Menschen. Um sie zu betreiben, benötigt man ein wissenschaftliches Forum und einen "Wissenschaftsapparat", die nur im universitären Kontext gewährleistet sind. Die Prinzhorn-Sammlung ist in die Universität Heidelbergs eingebunden. Es stehen ihr damit die notwendigen strukturellen Voraussetzungen für ihre wissenschaftliche Arbeit zur Verfügung. Die Verlagerung in den außeruniversitären Raum wäre eine unverantwortliche Verkürzung des Potentials der Sammlung.

Das alltägliche Leben zeigt leider, daß Patienten und ihre Familien noch immer unter gesellschaftlicher Stigmatisierung zu leiden haben. Dieser Druck von außen führt nicht selten dazu, daß die Betroffenen sich selbst minderwertig fühlen. Es ist daher für die Psychiatrische Klink und die Prinzhorn-Sammlung von besonderer Bedeutung, daß sie ihre kulturelle Arbeit in Form von Ausstellungen in unmittelbarer Nähe zur Klinik tätigen kann. Patienten und ihre Angehörigen haben so die Möglichkeit, Einblick in die Schöpfungskraft ihrer verstorbenen Leidensgenossen zu gewinnen und zu erleben, daß ihre Werke in Aussage und oft beachtlicher künstlerischer Qualität wertgeschätzt und in der Öffentlichkeit mit positiver Aufmerksamkeit honoriert werden. Durch die Nähe zur Klinik sind zudem außenstehende Ausstellungsbesucher gezwungen, sich in das psychiatrische Areal und in die Nähe der jetzigen Patienten zu begeben. Dadurch wird ein Bezug hergestellt, der bei reiner Ästhetisierung der Arbeiten leicht, bei ideologischer Einengung der Sammlungsnutzung aber ganz verloren geht.

Heidelberg, 3. November 1999

Dr. Inge Jàdi, Kustodin der Sammlung Prinzhorn

Prof. Dr. Christoph Mundt, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik

Prof. Dr. Jürgen Siebke, Rektor der Universität Heidelberg

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